Dienstag, 22. Mai 2012

Viertes Erlebnis . . . . Lars - unsere Liebe


Lars´ Liebe – meine Liebe
(Eine erfundene Liebesgeschichte um 1950)

An der Gartenpforte klingelt es, und mein Freund Lars kommt. Wir sind oft zusammen, lesen zusammen, basteln, gehen im nahen Wald spazieren, im Winter rodeln wir. Heute bin ich erstaunt, Lars hat zu seinem schwarz-grauen Sonntags-Anzug lange Strümpfe zu den kurzen Hosen an, ihr wißt, solche, die das ganze Bein bedecken, hell-graue Strümpfe. Wir waren 15 geworden, und ich hatte lange Strümpfe das letzte Mal getragen als ich 13 war, oder noch früher. Das war damals so üblich – bis zu jenem Alter. Warum nicht weiter, habe ich nie erfragt. Die Mädchen tragen ja immer welche, ich meine in jedem Alter, und danach sind es eben Frauenstrümpfe.

Lars also kommt durch den weiten Vorgarten, auf mich zu, und sein Anblick erregt mich wieder etwas, wie oft, wenn wir uns begegnen. Denn wir mögen uns sehr gerne, wir lieben uns und berühren einander oft. Heute blicke ich auf seine bestrumpften Beine und muß ihn ganz gerührt ansehen. Ich bin verlegen, denn in unserem Alter tragen wir keine langen Strümpfe mehr, aber sie stehen ihm. Zart muß ich zum Gruß sein Gesicht streichen, ich nehme es zwischen meine Hände und reibe meine Wangen an seinen.

Lange bleiben wir so stehen, bis ich endlich leicht mit meinen Lippen seine Lippen berühre. Das macht uns verlegen, und Lars flüstert, „ja, aber das ist schön so.“ Wir fassen uns an den Händen und gehen hinter unserem Haus in den Garten zu einem umgefallenen Baumstamm, auf den wir uns setzen. „Ich liebe es, wenn du diese Strümpfe trägst,“ sage ich leise. „Wie kommst du darauf, wo hast du sie her?“



 Lars streicht über seine Knie. „Mir ist so, als ob du sie gerne an mir siehst. – Hast du auch mal gesagt, vor ein paar Jahren.“ Er sieht mich an und zwinkert ein wenig. „Und ich habe sie schon immer gerne angezogen, doch damals  . . .   es wurde einfach unüblich, Jungens trugen sie nicht mehr, oder?“, und er streicht sich wieder über seine Knie.

Hebt seine Hand etwas, und streichelt sich dann weiter. „Eigentlich möchte ich, daß DU deine Hand auf meine Knie legst.“ Ich zögere, „– darf ich das?“ und lege eine Hand vorsichtig dahin, wo seine liegt, die Lars dann wegnimmt.

„Und ich habe meine Schwester gebeten, und sie gab sie mir gerne, sagt, sie stehen dir noch immer.“ „Und wie hast du sie fest gemacht, noch immer an einem Leibchen wie damals?“ Er zieht ein Hosenbein hoch und zeigt mir die glänzende Drahtschlaufe, die an einem rosa Knopflochband hängt, so wie die Mädchen es haben. „Und dann hat Lene mir einen ihrer Strumpfgürtel gegeben.“

„Und wie fühlt sich das an?“ „Viel besser als diese doofen Leibchen. Ich habe das Gefühl von Freiheit Du hast diesen festen und weichen Gürtel um die Hüften geknüpft, und da hängen die Strumpfhalter dran, und wenn ich die Strümpfe angeknöpft habe, ist da eine angenehme Spannung, so wie eben jetzt.“

Heimlich denke ich, das möchte ich auch mal haben, und ich bin doch gehemmt. Wir ziehen die Beine an, und ein Blitz von Lars´s nackten Schenkeln sieht aus den kurzen Hosen heraus, richtig so wie früher. Das erregt mich alles, und ich stehe auf und gehe umher. „Du bist richtig süß,“ sage ich leise. „Du hast so eine süße, helle Stimme, ich möchte deine süße Stimme küssen, fällt mir gerade ein.“

„Und du hast nun eine tiefe Bären-Stimme,“ sagt er, „ganz anders als früher. Ich weiß, meine ist noch sehr hoch und kindhaft, ich weiß, magst du das?“ „Ja, ich liebe dich, du bist richtig liebenswert – oder wie soll ich sagen. Komm, wir gehen zwischen den Obst-Büschen umher, da sieht uns keiner.“ Ich nehme ihn an der Hand, und nach ein paar Schritten wende ich mich verlegen zu ihm und drehe seine Vorderseite an meine. Ich muß ihn ganz dicht an mir haben!

Die Büsche tropfen noch vom Regen vorhin, und ich mag es, wenn die Tropfen mich berühren, besonders wo die Haut nackt ist, an den Händen, im Gesicht.

Ich sehe Lars an. Er ist wirklich noch schmal knabenhaft geblieben. Und seine Kleidung steht ihm, und ich liebe ihn in diesem Auftritt. Er sagt, „weißt du, daß du eine etwas geschwollene Kehle hast? Das hat wohl was mit deiner tiefen Stimme zu tun, da muß die Kehle wachsen, damit das Männliche alles rein passt – wie bei allen Männern. Ist meine noch schmal?“ Ich streiche vorsichtig über seine Kehle, die schmal wie die eines Mädchens ist, finden ich. Weiter sage ich, . . .

„ . . .  und leider ist mein Körper so stark geworden, überall richtig ein wenig `männlich´, sozusagen. Das mag ich nicht so gerne, deine schlanke Figur ist mir lieber, würde ich auch gerne behalten, `Knabenfigur´ wie die Leute sagen,  . . .  doch, was will man machen.“ Und ich seufze, und mein Gesicht wird ein wenig hart.






Nun ziehe ich seinen Körper ganz dicht an meinen, die Vorderseiten zu einander. Umarme ihn und fühle seine Wärme an meinem Leib. Still stehen wir und atmen leise, und sehen einander in die Augen. Unsere Augen werden naß. Es ist so schön, so tief gehend. Langsam berühre ich mit meinen Lippen seine, und dann küssen wir uns. Es ist so wunderbar, sich zu küssen. Seine Lippen sind so weich. Und sie duften. Ganz vorsichtig küssen wir uns, berühren die Lippen einander. Schlingen einander die Arme um die Köpfe.



Lieben uns so sehr und ganz. Lange bleiben wir so stehen. Wir gehen zurück zu dem Baumstamm, „sonst reden wir oft so viel, heute garnicht,“ sage ich voll Freude. Und, „darf ich dir mal meinen Strumpfgürtel zeigen?“ Lars zieht seine kurze Hose runter und die Unterhose ein wenig und da spannen die vier Strumpfhalter an seinem nackten Leib, straff von dem schneeweißen  Mädchen-Gürtel herab. „Ich mag das Mädchenhafte,“ sagt er. „Seit langem will ich mich dir in meiner Mädchenhaftigkein zeigen, besonders weil ich spüre, daß du mich so besonders liebst. Und ich dich besonders liebe.“





Das alles sind Symbole unserer Liebe, und wir verstehen das bald.

Und Lars sagt später, „Ich wüsste nicht zu sagen, was Liebe mit den Mädchen zu tun hat, wie die anderen das immer betonen. Doch vielleicht, vielleicht verstehen sie das garnicht  so wie wir beide das erfahren, aneinander, oder?“

  „Wir sind so verliebt, daß es immer so bleiben sollte.“ – „Wir wollen immer zusammnen bleiben, oder?“ „Komm doch zu uns gezogen, das werden wir wohl bestimmt hinkriegen.“ Und wir küssen uns so fest, daß es wie eine Versiegelung ist, ein langes Versprechen.

Unsere Eltern stimmen irgendwann zu unserer Knabenehe zu, sie meinen gewiss, daß das nicht lange dauern kann. Sie wissen nichts von der Ewigkeit. Doch zwischen all unseren immer heißer werdenden Küssen geschieht ein Wandel, auch ein geheimer Wandel. Lars zieht tatsächlich zu mir, und obwohl wir noch ein zweites Bett in mein Zimmer stellen, schläft er fast immer mit mir in meinem Bett. Dicht liegen unsere Körper aneinander geschmiegt, oft schlafen wir nicht ganz tief, meinen wir jedenfalls. Besonders unsere Gesichter streicheln wir, manchmal lange Zeiten in der Nacht. Niemand erfährt davon, du bist der erste Mensch, dem ich das erzähle, nach so langen Jahren.

Der Wandel  . . .  wie es so geschah fanden wir uns in einer ewigen, unendlichen Liebe wieder. Es änderte sich nichts mehr. Wir blieben wie wir bis dahin waren. Es war uns als ob wir die Zeitabläufe verlassen hätten, doch wir konnten es nicht mal für einander ausdrücken. Die Zeit war uns verloren gegangen. Wir fanden uns nur noch im Jetzt.  . . .  als ich alt war, später, kam mir ein Verstehen, als ich einen Vortrag von Osho hörte, der mich sofort sehr tief berührte. Ich erkannte sofort, wie es mit meiner Zeit stand. Nun erkannte ich endlich, wie es mit Lars und mir steht.

Es sind jetzt gerade Ferien; und es gibt keine Schulpflichten. Wir liegen zusammen, sitzen zusammen, gehen zusammen, und beim Essen geben wir uns einander die guten Bissen. Wir sind fast immer Arme in Arme verschlungen. Unseren Eltern ist das nicht so merkwürdig, denn wie sie erzählen, hatten sie alle in ihrer Jugend ähnliche Erlebnisse. Deswegen lassen sie uns. Doch das war einmal, heute sind sie anders, aber sie erinnern sich.

Ich denke, sie haben ihre regulären Zeitabläufe wieder gefunden, sind aus der Unendlichkeit zurück gekommen. Aber Lars und ich? Wir sinken immer tiefer, versinken in unsere Liebe, es gibt nichts anderes mehr als uns beide. Die Unendlichkeit ist unsere Heimat, unser beider Heimat. So wie unsere Körper und unsere Seelen miteinander verschmelzen, so unsere Leben. Ich kleide mich wieder so wie Lars es tut, suche mir meine bunten Knaben-Hemden und kurzen Hosen raus und suche mir wieder lange Strümpfe – wie wir sie vor Jahren anhatten und er sie nun wieder trägt, und ich nun auch. Diese Kleidung ist eine große Feinheit in unseren Seelen geworden, diese frühere Kleidung ist uns etwas sehr Feinsinniges. Sie ist geheimes Symbol unserer Liebe. Und lässt uns tiefer gehen.Und ich versuche, meine Stimme wieder zu erhöhen, meine Stimme wieder so hell wie sie noch vor Monaten war zu machen – damit sie Lars´s Stimme gleicht. Wir werden Eins, scheint uns.

Zusammen durchstreifen wir den Bergwald hinter der Stadt. Beobachten die Tiere – doch auf eines achten wir immer: wir trennen uns nie, nicht einmal für ein paar Minuten. Wenn es doch geschieht, bekommen wir sofort Angst, einander zu verlieren. Und rufen leise einander. Manchmal schlafen wir im Wald, eingewickelt in altes Herbst-Laub, versteckt in Gebüschen. Eng umschlungen wie im Bett. Einmal kommt ein großer Hund, beschnüffelt uns und legt sich gemütlich zu uns. Oder ist es vielleicht ein Wolf? Ich wollte, es wäre ein echter Wolf.

Und dieser Wandel ist ein Übergang in das, was wir Unendlichkeit nennen. Wir spüren die Unendlichkeit, wenn wir zusammen liegen, wenn unsere Lippen sich berühren, wenn unsere Hände einander streicheln. Wenn wir uns ansehen und betrachten. Mit unseren Körpern ineinander verschlungen, haben wir tatsächlich die Zeit verloren – und das ist eine unendliche Sache geworden. Etwas wie die „Unendliche Geschichte“ wie der Titel eines Buches von Michael Ende heißt. Die Endlichkeit ist aus unseren inneren Erlebnissen verschwunden. Doch wir sind nie wieder zurück gekehrt, anders als der Junge Bastian in Ende´s Unendlicher Geschichte. In einem Kommentar dazu heißt es: „ . . .  gelingt es Bastian schließlich, zu sich selbst zu finden und zu seinem Vater in seine eigene Welt zurückzukehren.“ So verlief unser gemeinsames Sein nicht . . . . .

Viele Jahre später höre ich in Indien einen Vortrag, eher so was wie eine Sprache, vom Master Osho, in der mir plötzlich klar wird, um was es geht.

In seinem Diskurs, „The vertical line opens a door into eternity“ (in Hari Om Tat Sat, Chapter #27, by Osho, am 28. Februar 1988) fragt jemand, „Beloved Master, you once said, »The Moment is Rare when Eternity penetrates Time«, es geschieht selten, daß die Unendlichkeit in die Zeit eindringt. Can you speek more on this?"

Und da sagte der Master etwa:   »..., die Frage scheint einfach zu sein, aber die Antwort ist sehr komplex. Das Komplexe wird vielfältig, weil die Frage nur aus deiner eigenen Erfahrung kommt, nicht von anderswo. So wie die Frage aus dir selbst kommt, muß die Antwort ebenfalls ein Teil deines Innern sein. Doch ich will mehr ins Einzelne gehen, um zu erläutern, was ich meine, wenn ich sage, es geschieht selten, daß die Unendlichkeit in die Zeit eindringt.


Zeit ist das, worin wir leben – sie ist horizontal. Sie ist von  A  nach  B  nach  C  nach  D , sie ist in einer waagerechten Linie. Unendlichkeit (oder Ewigkeit) ist vertikal. Sie ist nicht von  A  nach  B  und von  B  nach  C .  Sie ist von A  nach mehr A  und immer noch mehr A . Sie geht immer weiter aufwärts. Das geschieht selten, denn es geschieht nur, wenn Meditation ein Reifen erreicht hat, eine vollständige Reife. Wenn du deinen innersten Kern berührt hast.
 
Dann plötzlich wirst du gewahr, daß du selbst eine Wegkreuzung bist. Ein Weg geht waagrecht, in anderen Worten, er ist mittelmäßig, gewöhnlich, bedeutungslos, und er führt schließlich zum Tod. Die waagerechte Linie bewegt sich fortwährend zum Friedhof.  . . . «






Wie ich das gehört hatte, erschien vor meinen geschlossenen Augen in einer langen Mauer eine Art Gartentor, das geöffnet war, und dahinter ging es tief in die Unendlichkeit, und ich war mir nicht sicher, ob ich mich da hinein fallen lassen sollte. Ich tat es nicht, ich zögerte und zog mich zurück. Osho sagt noch:
»Wenn du in der Mitte deines Seins angelangt bist, in dem stillen Raum deines innersten Mittelpunktes, kannst du die beiden Wege sehen, einer waagerecht (der zum Tod führt), einer senkrecht in die Unendlichkeit.«

Wie es sich dann rückwärts gesehen ergab, entwickelten sich unsere Körper nicht mehr weiter –.ein Wunschtraum, gewiß, und unsere Leben lang bleiben wir zusammen, eine Art Knaben-Ehe wie es die Märchen beschreiben. Oder ist dieses einfach ein Märchen? Hatten wir gemeinsam die Reife erreicht, von der Osho spricht? Vielleicht kommt dann die Auflösung – in die Ewigkeit












Zurück aus der Unendlichkeit der Liebe, – nun doch noch mal zurück in die regulären Zeitläufe – schreibe ich Dír, wer Lars war. Auf eine sehr geheimnisvolle Weise bin ich seit früher Kindheit verliebt. Meine erste Liebe war ein niederländischer Junge im Kinderheim in Hinterzarten als ich sechs war. Doch bald begann der Krieg (1939) und wir sahen uns nie wieder. Geheim lebte die Liebe in meiner Seele, doch weder suchte ich noch traf ich jemanden für meine Liebe  –  bis ich neun Jahre später Dagmar traf. Meine Liebe zu ihr blieb geheim, und sie verschwand auch bald wieder. Ach ja, auch in die viel ältere Dora Heise war ich verliebt, leise und ohne es zu sagen.


Mit 15 lernte ich Egmont kennen, wir lebten drei ein halb Jahre zusammen in diesem sehr schönen Internat, wohnten immer im selben Zimmer. Ich möchte sagen, ich war in ihn verliebt – und irgendwie bin ich es immer noch. Und gelegentlich schreiben wir uns. Doch ich wußte meine Gefühle damals nicht zu deuten – es gibt in unserer Kultur ja keine Hinweise für Knaben, die in einen anderen Knaben verliebt sind. Egmont war ein halbes Jahr älter und ein sehr hübscher Knabe, der nicht nur mich begeisterte.

Also, ich wußte meine Gefühle nicht zu deuten, und so kam es nicht zu der Nähe, wie ich sie in meiner Liebe mit Lars erlebte. Lars hat es nie gegeben, doch er vertritt meine unerkannten Sehnsüchte damals, als wir 15 bis 19 waren.

Ja, wir bekommen als Kinder und Jugendliche nie Hinweise, was es mit der Liebe zwischen Knaben Schönes auf sich hat. Wir hören nie, wie gut es einem ergehen kann in einer solchen Beziehung, wissen nicht damit umzugehen, wenn es uns packt. Eine Liebe zwischen Knaben beziehungsweise zwischen Mädchen ist gerade im jugendlichen Alter viel einfacher, und deswegen konnten wir uns viel tiefer in das volle Erleben hineinfallen lassen.

Vielleicht könnte die Liebe zwischen Frau und Mann ein paar Jahre später viel reifer sein, wenn wir als Kinder oder Jugendliche bereits die Liebesfähigkeiten unserer Seelen kennen gelernt hätten – in harmloser Weise. Vielleicht hat die Schöpfung den Knaben für diese Liebesbeziehungen diese `liebenswürdige´ Erscheinungsform mitgegeben. Die ja ein paar Jahre später ganz anders aussieht, nicht mehr verlockend für Männer. Sondern in neuer Form  verlockend für die Frauen.

So hat diese Zeit des Knabe-Seins eine große Bedeutung für den heranwachsenden Jüngling – nicht so sehr zur Prägung der Mann-Rolle in der Gesellschaft sondern mehr zur wahren Reifung der eigenen Seele.

Zwei weitere Knaben-Fantasien seht ihr hier: http://tantricum.blogspot.de/






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Freitag, 20. April 2012

Zweites Erlebnis




lange Strümpfe als Segen

Kriegskind heilt seine Seele
- ziemlich realistisch geträumt -


a vintage boy story - stockings

(eine meist erfundene Geschichte aus dem Jahr 1946, 
seht hierzu eine Lese-Quelle, ihr findet sie rechts unter „April, Drittes Erlebnus“





Der Beginn dieser Geschichte findet ihr rechts unter „Januar, Erstes Erlebnis“

mein Blog der langen Knabenstrümpfe in alten Zeiten 






Dann hatten wir ein Ereignis, das damals häufig war, in den Jahren nach dem Krieg. Unser Leben wurde dadurch ganz anders. Zwei Leute kamen zu uns, eine Frau von der Stadtverwaltung – wie sie sich vorstellte – mit einem Jungen an der Hand. Ich dachte, er war etwa mein Alter. „Hier ist Daniel,“ sagte sie, und Daniel verbeugte sich und sagte noch mal, „Daniel.“ – „Ich komme mit Daniel, weil er so allein ist und ein Zuhause sucht.“

Mutti und die Frau setzten sich. Und wussten nicht, was sie sagen sollten. Wir waren alle sehr verlegen, und ich ging erstmal zu Daniel und gab ihm die Hand, „komm, setz dich.“ Doch Daniel blieb stehen, und wir sahen uns an. Im Leichtsinn sage ich, „bleib doch einfach hier.“ Und Mutti sagt auch, „bleib doch einfach hier bei uns, wir haben noch etwas Platz, nein, gut Platz.“
Es war nicht Leichtsinn, es war irgendwie Liebe, merke ich.

Denn wir mögen Daniel gleich sehr gerne, er hat etwas sehr Feines an sich, wenn auch seine Kleidung verlumpt und dreckig ist, und viele Löcher hat. Er trägt eine grau–grüne Stofftasche über der Schulter, die er fest an sich klammert. Es muß Wertvolles darin sein.

„Daniel ist seit ein paar Tagen hier in der Stadt und schlief im Obdachlosenheim, aber das geht ja nicht so weiter,“ sagt die Frau. „Daniel, sag mal selbst.“

Daniel stottert etwas herum, mag wohl nicht erzählen, was mit ihm ist, und fängt etwas an zu weinen. Wie er beginnt, merke ich, daß seine Sprache etwas anders ist als unsere, eine andere Betonung, oder richtiger, eine andere Musik. „Ich bin Flüchtling, aus Ostpreussen, alle sind fort, alle habe ich verloren, die ganze Familie, ich bin der einzige, der übrig íst.“

„ . . . schon so lange bin ich unterwergs, und wusste nie, wohin eigentlich. Auch eure Stadt ist mir genau so fremd, habe noch nie den Namen gehört.“

„Kann mir nicht vorstellen, wo ich eigentlich bin,“ und seine Augen werden wieder naß.

Das hört man so häufig in dieser Zeit, und nun kommt so jemand zu uns. Schon lange habe ich mich danach gesehnt, solchen  Flüchtlingen mehr helfen zu können, sie aufzunehmen. In unserer Klasse sind einige Flüchtlinge, aus Ostpreussen, aus Schlesien, aus Russland sogar. Ich gebe ihnen oft von meinem Brot ab. Teile mit ihnen, was ich habe, und Mutti gibt mir oft etwas Besonderes für die Kinder aus dem Osten mit, mal einen schönen Apfel oder so.

„Und was seid ihr für Leute?“ fragt Mutti. Daniel ist still, dann: „meine Eltern sind Lehrer – ach nein, ich denke, sie sind sind alle tot.“ „Lehrer in Königsberg. Doch zum Schluß war mein Vater eingezogen, als Soldat, und da ist er gefallen, haben wir gehört, tot, irgendwo in Russland. Hat sich wohl sehr quälen müssen, und ich liebe ihn doch so,“ und er weint hemmungslos, und Mutti nimmt ihn in die Arme, „nun bist du hier bei uns, sei willkommen.“

Ich sage auch, „sei willkommen bei uns.“

Die Frau sagt, „nun kann ja alles mal ein wenig besser werden, nicht wahr, Daniel?“ Er nickt etwas, bedankt sich bei ihr und gibt ihr mit einer Verbeugung die Hand zum Abschied.

Mutti sagt, „ich heiße Eta, und mein Junge heißt Stefan. Komm, wir gehen mal in die Küche, vielleicht möchtest du etwas essen, ein Glas Milch vielleicht, ja?“

Daniel setzt sich bescheiden auf den Küchenstuhl. „Zieh doch mal deinen Mantel aus, wenn du möchtest,“ und er tut es und hängt ihn an die Garderobe auf dem Flur. „habe schon lange keine Garderobe mehr benutzt.“ Ich sehe seine dunklen Überfallhosen, und er tut mir leid wegen der Löcher. „Darf ich dir frische Hosen geben?“ „Ach ja, das würde mir sicher sehr gut tun, aber meine Unterwäsche ist auch sehr schmutzig. Hast du welche übrig? Alles war so schrecklich in den letzten Wochen. Habe oft in irgendwelchen Ställen oder Schuppen geschlafen.“

Nach dem kleinen Essen zeige ich ihm das Bad und gebe ihm die frische Wäsche. „Nimm ein schön-warmes Bad,“ sagt Mutti und dreht das Wasser an der Wanne an. Daniel zieht sich aus, sehr verlegen, „weil alles so dreckig ist, mag ich euch gar nicht zeigen,“ sagt er. Ich sehe seinen dünnen und kleinen Körper.

„Ich möchte das gerne selbst waschen. Ist doch meine Sache, oder?“ Mutti lässt ihn und gibt ihm Waschpulver. Nach langer Zeit kommt er und sieht ganz anders aus, „oh, du siehst ja noch feiner aus als ich vorhin vermutet hatte – als ihr kamt,“ sagt Mutti leise lächelnd.

„Ja, irgend wie waren wir mal feine Leute, Oberschullehrer, wißt ihr.“ In Gedanken geht er zum Bücherschrank und sieht zu den Buchrücken – “ja, das hatten wir auch,“ und er zeigt auf einen Band, auf dem Hermann Hesse steht. „– habe ich aber noch nicht gelesen, da wird es ja mal Gelegenheit geben, oder?“ Ich wundere mich über das, was er so sagt. Ich habe das Buch auch noch nicht gelesen, hätte nie den Gedanken gehabt, aber der Daniel! Kommt aus den Trümmern dieses schrecklichen und verlorenen Krieges und sagt so was!

Mutti sieht ihn an, streicht ihm sanft über den Rücken und sagt, „ich habe einige gute Bücher, und außerdem kannst du dir gewiß welche in der Schulbibliothek ausleihen.“ Daniel erholt sich ein paar Tage, schläft viel, und kommt dann mit in die Schule, und er kommt in meine Klasse. „Wisst ihr, was der größte Genuß ist? Diese schöne und reine Kleidung, so sauber und sogar gebügelt!“ Er trägt immer die langen Hosen, die ich trug bevor ich zu den langen Strümpfen zurück kehrte. Daniel ist ja auch ziemlich viel kleiner als ich. Doch in derselben Klasse. „Ich habe zuhause mit Englisch angefangen, und würde Latein genommen haben, wenn alles anders geworden wäre, mal sehen, wie das nun gehen kann.“

Latein ist auch meine Idee, und wie wir uns zu Ostern entscheiden müssen, nehmen wir beide Latein, zusammen. Und ich bin heute noch froh, daß ich diesen Weg gegangen bin. „Französisch kann man doch immer noch lernen.“ „Und mit Russisch will ich nichts zu tun haben, erstmal, da sind so dunkle Erinnerungen . . .“

Einmal gehen wir zusammen in den Wald, wie so oft in diesen Minaten, und wir sitzen am Waldrand über dem Tal und haben ein langes Gespräch. Daniel sagt, „weißt du, mir fehlt das Weiche in meinem Leben. Das Fühlende. Ich bin so hart, jedenfalls seit der grausamen Flucht aus Königsberg damals. So viel Leiden gesehen, so viel Härte bei allen, bei den Feinden und auch bei unseren Leuten, alles aus Notwehr, weißt du, und viel Angst.“

„So viele Trümmer und Tote und Verwundete, Staub und Dreck, war alles in mein Leben hinein gebrochen, so schnell. Und da hast du keine Zeit zum Weinen, nicht einmal um dich bei einem anderen Menschen einzukuscheln und nach Wärme zu suchen.“

„Ihr seid lieb und sehr mitfühlend, aber es prallt an mir ab, kommt nicht wirklich in meine Tiefe. Mir ist so, als wenn eure Liebe nicht für mich bestimmt ist.“ Und wieder beginnt er zu weinen. „Ich bin so allein, noch immer, könnte weiterwandern. Ein paar Tage bin ich mit einem alten Mann gereist, dann musste ich wieder allein sein. Vielleicht werden wir uns mal wiedersehen, der Mann und ich. So schwer es war, allein zu sein, ich musste wieder allein sein. Habe mir helfen lassen, das geht ja nicht anders, wenn man Kind ist, aber zum Schlafen legte ich mich immer allein hin.“

 „Der Mann sagte, uns Jungs und Männern wird so viel innere Härte eingeimpft, ein-erzogen, Unempfindlichkeit, eben Härte, seelische Hornhäute sozusagen, so daß wir die Verwundungen nicht spüren können, die uns allenthalben geschehen. Doch in Wirklichkeit spüren wir sie doch. Denn die Trauer ist geblieben, immer stärker geworden.

Wir sind nie wirklich Soldaten geworden, wie „der Führer“, Hitler, uns haben wollte. Ich hörte von einem Soldaten, der übermüdet im Schützengraben stand und zu schießen versuchte, dabei einschlief. Es war Frost und alles hart gefroren. Wie er aufwachte, lag er auf der gefrorenen Leiche eines anderen Soldaten, hatte ein paar Stunden so geschlafen. Normalerweise hätte man das gemerkt, aber bei diesen Hornhäuten, sozusagen . . .

Nach langer Zeit sagte Daniel „ich suche nach etwas, das mir meine Weichheit wirklich wiedergibt. Meine natürliche Weichheit. . . . Wenn ich dich sehe, Stefan fühle ich sehr viel Weichheit in dir, das strahlst du aus, das bist du – ich aber nicht. Obwohl ich genau so ein Kind bin wie du. Vielleicht sollte ich nicht immer so dunkle Kleidung tragen. Vielleicht sollte ich zu singen versuchen, im Schulchor oder im Kirchenchor oder so.“

Ich merke auf, wie er sagt, „obwohl ich genau so ein Kind bin wie du,“ da bewegt sich etwas in mir, ja Kind-Sein, das ist es. Ich will Daniel helfen, wieder Kind zu sein. Ich sage zu ihm, „zieh doch mal Kinderkleidung an, so wie ich, wir werden schon sehen, so etwas für dich zu besorgen.“

„Wir sind doch Kinder, oder?“

Daniel erinnert sich an früher, “ja, diese langen Strümpfe habe ich als Kleiner auch getragen, alle trugen sie. Ich sollte es mal wieder tun, mal sehen, ob mir das gut tut.“

Wie wir wieder zuhause sind, gebe ich ihm von allem, was ich so trage. Besonders die kurzen Hosen und die langen Strümpfe sind etwas Besonderes für Daniel, „ja, das erinnert mich an meine Kinderjahre. Das ist schön! Das ist richtig warm, das ist für uns Kinder. Ich nehme die beigen, wenn ich darf, die passen da besser.“

Mutti besorgt für Daniel „Kinderkleidung“, wie er sagt, nicht mehr für einen 13–jährigen Jungen gedacht, aber der Versuch . . . Und es gelingt. Manchmal singt Daniel wieder. In der Schule tritt er dem Chor bei und singt seine helle Stimme, er wird wieder zum Kind. Die Musiklehrerin sagt, „da hast du, Daniel, etwas Gutes für dich gemacht, bist noch mal Kind geworden, das wird deine Seele ein wenig heilen, oder was spürst du?“

Da sagt Daniel, „mit den langen Kinderstrümpfen bin ich weicher geworden, oder was denken Sie? Das ist nicht so hart wie in den schwarzen, langen Schihosen.“ – Das macht mich sehr froh, ich streiche meine Beine entlang und freue mich noch mehr über meine Strümpfe und meine Knie.





Stefan und Daniel


Mutti fragt ihn mal, „magst du von früher erzählen, Daniel, von Königsberg, von deiner Reise hierher?“ – „Reise? Nein, war keine Reise, war eine Qual.“ Seine Augen werden wieder naß, „nein, nicht erzählen.“ Mutti lädt ihn ein, auf ihrem Schoß zu sitzen und streichelt ihm die Knie und den Rücken. Und die Haare und Wangen. „Seit ich diese Strümpfe trage, fühlen sich meine Knie sehr gepflegt an, sehr fein,“ sagt Daniel, „sie fühlen sich zuhause hier.“

Er denkt lange nach, dann „nein ich kann da nicht erzählen. Es war alles zu dunkel, habe oft die Augen geschlossen. Erst jetzt öffne ich sie wieder ein wenig.“

„Zeitweise lebte ich in einem Kinderheim, doch dann fuhren wir in den Westen, glaube ich. Mit schrecklichen, stinkenden Zügen, auf Strohschütten liegend. – Sind wir hier im Westen?“ „ja, das hier ist der Westen,“ sagt Mutti. Er atmet auf, „ist das wirklich wahr? Dann bin ich ja angekommnen, ein Glück.“ Und nun weint Daniel leicht, vor Erlösung, denke ich, vor Entspannung.

„Habe neulich bei euch eine alte Zeitschrift gefunden, ein Bild war da drauf und die Worte Königsberg gefallen. Ich habe das Bild gezeichnet, und mich dazu, hier. Ich habe es genannt Daniel´s Trauer. – Nun werde ich nie wieder zeichnen, glaube ich.“





„ . . . so war das, fehlt nur noch der Rauch und Staub und das Schmerz-Schreien der Verwundeten. Das Rufen der Mütter nach ihren Kindern.“

 


Daniel´s Trauer

In einer dieser Nächte geschieht plötzlich etwas, was mir bis heute, nach so vielen Jahrzehnten noch immer nicht klar geworden ist. Ich war wach geworden und hatte mich in meinem Bett aufgesetzt, und ich lehne mich an die Wand, mit gekreuzten Beinen sitzend. Es ist draußen hell, Vollmond. Ich bekomme ein Gefühl, daß mein Körper in wenigen Minuten sehr viel reifer geworden war. Noch immer weiß ich nicht, was das bedeutet, reifer geworden?

Ein paar Meter vor meinem Bett líegt unser Hund, ein großes und von jedem geliebtes Tier in dunklem Fell. Er richtet seinen  Kopf hoch, schnüffelt kurz umher, steht auf und kommt zu mir, legt sich ganz dicht vor meinem Bett wieder hin.

Reifer geworden? Nicht größer oder stärker oder erwachsener, nein, eine andere Reife, kann es noch immer nicht erklären. Ich sitze und wundere mich. Ich stehe auf, ziehe ein Nachthemd über, hole das Buch von Hermann Hesse aus dem Bücherschrank, setze mich an den Esstisch und beginne es im Mondlicht zu lesen, „Knulp“ war der Titel, in blaues Leinen gebunden, weiß ich noch immer. Die Geschichte von einem ziellos umher wandernden Mann. Diese Geschichte passte zu dem, was Daniel mir von sich erzählt hat: ziellos umherwandernd, mit Sehnen nach einer Heimat, die so schwer für ihn wiederzufinden ist, die es nicht gibt. Das Buch hatte mir mal meine Mutter geschenkt, „ist vielleicht noch etwas zu früh für dich, aber wir werden sehen,“ sagte sie, „ich habe es auf dem Markt angeboten gefunden. Man nimmt, was sich ergibt.“

 

Knulp


Nun passt es vielleicht zu Daniel und er wird es mal lesen, ich werde sehen, was mit ihm geschehen wird.

Monate später erzählt Daniel doch etwas aus Königsberg, von seiner langen Reise in denWesten. „als dann der Krieg zu uns kam, als das Schießen anfing, als die Häuser in Trümmer fielen, als immer mehr Männer umherliefen, häßliche Männer! – da fühlte ich, DAS also ist Männlichkeit! Ich war ja ein Junge, und das Mann-Sein war mein Ziel, sollte es sein. Ich sollte irgendwann erwachsen werden, sollte Mann werden, stark, tapfer, vielleicht auch ein Zerstörer, ein Töter, ein Soldat im Schützengraben. So waren die Zeiten damals. Ist das nun vorbei?“

„Dann kamen die Trümmer, immer mehr Trümmer mussten beseitigt werden, immer jünger waren die Knaben, die das tun mussten, ich auch – war es das? Ist DAS das Mann-Sein? Ist das die Männlichkeit, von der der Führer sprach? Ich dachte, Mann und Trümmer und Schmerzen und Leiden sind alles Eins. Das verstand ich nicht und wollte es auch nicht so haben. So ein Mann-Leben fand ich schon damals schlecht, dreckig, stinkend. DAS will ich nie werden!“

Ein Jahr danach gelingt es uns, das genauer zu sagen. Daniel ist nun ein Bruder von mir, wir kennen uns sehr gut und lieben uns. Das Leben ist leichter geworden, und wir beide tragen noch weiterhin lange Strümpfe, nicht wegen der Gewöhnung sondern weil wir das als unsere ganz eigene Art empfinden, eine zarte Art. Weil es uns sehr gut tut, und wir unseren Mut lieben, anders zu sein. Wir spüren: wir werden zu einer besonderen Art von Knaben, es wird unser eigener Weg, andere sind nicht so. Das sind nicht unsere Ideen, sondern wir werden so, ganz von selbst. Manches merken wir garnicht, sondern wird uns erst viel später bewußt. Ab und zu gibt uns eine Lehrerin ein paar Tips. Es mag manche andere außergewöhnliche Knaben-Gruppen geben, doch davon wissen wir nicht.

Wie uns diese Lehrerin, ich nenne sie Frau Meyer, sagt, hat jede Gesellschaft Pläne mit ihren Kindern, Pläne, was aus einem jungen Menschen werden soll. Die eine Gesellschaft will Soldaten haben, die andere Ingenieure, die andere gute Arbeiter oder Dichter und Lehrer . . .  „Doch wir sollten zusehen, daß jeder von uns das wird, was ihm besonders liegt, wozu er geboren wird – natürlich Mädchen ebenso. Das ist meistens schwer, jeder Mensch hat die eigenen, großen Probleme damit, von Geburt an, sich durchzusetzen, denn die anderen Menschen haben immer was anderes mit einem vor . . .“

Daniel geht es lange nicht immer so gut. Er leidet viel unter den Erinnerungen an den Krieg in Königsberg und den Monaten danach. Dann muß er sich dicht in seine Kleidung einwickeln, dann sind ihm die langen Strümpfe und díe kurzen Hosen zu durchlässig, zu gefährlich. Dann muß er Dunkles und Dickes tragen, und dann zieht er dunkle lange Hosen über seine Beine, am besten zwei Paar übereinander, und sich in Ecken versteckcn – „ich muß mich beschützen! Heute fühlt sich alles so an, als ob Waffen in mich reinschössen.“ Sein Gesicht ist düster, er fühlt sich dem Weinen nahe. Und Mutti nimmt ihn ab und zu in die Arme und streichelt ihn und sagt, „Weinen ist gut, Daniel, weine, wenn dir danach ist. Wir lieben dich und möchten, daß du hier bei uns bleibst, wir brauchen dich. Wir drei gehören alle zusammen.“ Noch immer nimmt sie ihn dann auf den Schoß und wickelt seinen Kopf in ihre Arme. Und er weint dann los – „nur so kannst du das loswerden,“ sagt sie. "Und kannst dich finden."

Am nächsten Tag dann wird es wieder besser, „nun kann ich die lange Hosen wieder ausziehen und meine langen Strümpfe genießen,“ und er lacht etwas.












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Freitag, 13. April 2012

Erstes Erlebnis







lange Strümpfe 
- ein wenig geträumt

a vintage boy dream - stockings

(eine meist erfundene Geschichte aus dem Jahr 1946)





mein Blog der langen Knabenstrümpfe in alten Zeiten 




„Guten Morgen, mein lieber Sohn. Gestern habe ich einen Liter Magermilch für uns erstanden, hier nimm, sie ist warm, und den Herd habe ich auch schon angemacht, du hast ja Holz aus dem Wald geholt. Danke, es ist schön, daß du alles mitmachst. Obwohl du diese ganze Misere nicht verursacht hast und selbst viel mit der Schule zu tun hast.“

Immerhin bin ich in der Quarta-Klasse und lerne – versuche zu lernen – Latein neben anderen wichtigen Sachen.

Meine Mutter und ich sitzen an diesem trüben und von Regenböen durchpeitschten Novembermorgen in unserer Küche, allein, denn mein Vater ist noch nicht aus dem Krieg zurückgekommen, wir wissen nicht einmal, wo er ist oder ob er noch lebt. Keine Nachrichten, keine Post. Jahrzehnte später schreibe ich dies auf, und manches mag sehr eigenartig klingen.

Frühstücken, Brot mit Rübensirup oder „Zap“, wie wir diesen klebrigen Brotaufstrich damals nannten. Und ein Apfel. Zur Schule bekomme ich noch einen Apfel und ein paar Blätter Rapunzelsalat, aus unserem Garten hinter dem Haus, an geschützter Stelle.
 

Bald werde ich zum Unterricht losgehen, und ein wenig fürchte ich mich in meiner dünnen Kleidung vor der Kälte. „Hast du nicht einen dicken Mantel für mich? Ich meine für den Winter,“ frage ich mürrisch. Doch sie schüttelt den Kopf, lächelnd, ja das kann sie in dieser trüben Zeit nach dem großen Krieg und in all der Not immer noch, und das macht mir das Leben etwas leichter – sie lächelt mir ins Gesicht.

„Nur eine lange Hose habe ich für dich erstanden, habe sie geflickt, und nun ist sie brauchbar. Sie ist von den Leuten drei Häuser die Straße runter, der Sohn ist rausgewachsen. Was wünschst du dir zum Geburtstag? Es gibt zwar kaum was, du siehst es ja, doch vielleicht ...“

„Du weißt ja, eigentlich mag ich keine langen Hosen ... hast du auch einen Gürtel für die Hose? Hosenträger will ich nicht, sie klemmen so an der Schulter ... Außerdem trage ich nicht gerne diesen bauschigen Hosen, sie sind häßlich.“ Oh, wie ich an sowas denken kann, daß etwas häßlich ist, in diesen knappen Zeiten.

„Und was ich mir wünsche? Schon lange habe ich daran gedacht, daß ich gerne mal wieder lange Strümpfe tragen möchte, die sind angenehmer als diese langen Bausch-Hosen. Es ist schon drei Jahre her, daß ich die letzten hatte. Doch vielleicht ist das ein unmöglicher Wunsch, woher könntest du sie kriegen?“

„Du wirst nun 13, da tragen doch nur noch wenige Jungen ...“

„In unserer Klasse schon, auch zwei meiner Freunde.“

„Will sehen, ob ich was machen kann. Meine werden dir ja zu groß sein.“


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Und nun ist dieser Geburtstag. 13 Jahre werde ich alt. Morgens stehe ich in der Badewanne, in der ich kalt geduscht habe. Ich liebe es, abgehärtet zu sein, kaltes Duschen, Kühle an der Haut, oft auch dünne Kleidung, ja, nur wenig essen, Sport im Freien. Mit noch nasser Haut sehe ich mir meinen Körper im Spiegel an, der gegenüber der Wanne hängt. Mein Körper, „ich bin Stefan, das ist mein Körper“. Ich mag ihn, ich liebe ihn, denn er ist schön – wie mir neulich mal jemand sagte: „du bist schön, weißt du das nicht?“

Manchmal muß man das gesagt bekommen, damit man sich lieben kann, achten kann. Gerade als Kind braucht man das. Bin ich noch ein Kind? Nun mit 13?

„Ich bin Stefan, dies ist mein Körper, mein schöner Körper ...“ – das sage ich leise vor mich hin. Ist das noch ein Kinderkörper? Jedenfalls kann ich keine Haare da unten entdecken, auch sehne ich mich gar nicht nach ihnen, wozu sind die überhaupt da? Mein Körper würde ein wenig häßlich werden dadurch, denke ich. Ich mag dieses Erwachsenwerden nicht. Ich mag mich so wie ich bin. Ich bin „ein großes Kind“, wie die anderen sagen, doch in der Klasse bin ich einer der kleineren. Ich möchte ein Kind bleiben, habe keine Sehnsucht nach dem Größerwerden, doch was ist da zu machen?

Mit einem Finger zeichne ich auf dem Körper ab, wie die Strümpfe sein werden, die Strumpfhalter, der Hüftgürtel, um sie zu halten – meine Mutter hatte mir das tatsächlich auf den frühen Geburtstagstisch gelegt, sie hat bekommen, was ich möchte – ich liebe sie dafür, und überhaupt - sie ist eine große Frau!

„Ach, ich verstehe ja wie deine Wünsche sind, ich mag diese Kleidung doch auch,“ sagt sie mir nach dem Glückwunschkuß und meinem Freudeschrei. „Wie hast du das gemacht?“ frage ich. Die beiden Strumpfpaare sind aus Baumwolle, glücklicherweise nicht aus Wolle, die kratzt so auf der Haut, ich hätte sie nicht gewollt, und das weiß sie.

„Meine Freundin N. hat doch zwei große Kinder, Sohn und Tochter, und die hatten das alles noch von früher. Sie gab es mir, und ich habe etwas dran rumgestopft ... und nun ist alles schön, oder?“ Ich falle um ihren Hals und bin gerührt, so daß mir ein paar Tränen kommen. - DAS sind so meine Träume, seit Jahren scheint mir, schon immer.

Ein braunes Paar, wie Erde, und ein helles, beiges Paar hat sie mir hingelegt, eine Kerze, ein paar Kekse, selbst gebacken ... ein Fotobuch über die Schönheit von menschlichen Körpern, aufgenommen von berühmten Fotografen, es ist nichts Neues, doch was gibt es schon in dieser Zeit. Wie diese Strümpfe da so lang über den Tisch hängen! Sieht sehr besonders aus, schon dieser Anblick macht mich ganz warm. Und etwas verschämt in weißes Papier eingewickelt der Hüftgürtel, ein weißer Strumpfhaltergürtel, an dem ... oh, da ist ja nichts dran! „Wie soll ich die Strümpfe denn festmachen, hast du gar keine Halter bekommen? Hast du nicht selbst welche übrig?“

„Warte. Wenn du sie heute zur Schule anziehen willst, kannst du sie nicht festmachen, mußt sie etwas runterrollen, dann halten sie auch.“ Ich stelle mir vor, wie sie über dem Knie zusammengerollt sind, und wie darüber die nackte Haut bis zu den kurzen Hosenbeinen ist. „Und später werden wir sehen.“

Als kleineres Kind habe ich wie alle Kinder immer lange Strümpfe getragen, wenigstens in den kalten Jahreszeiten. Oben waren an jedem Strumpf ein oder zwei weiße Knöpfe angenäht. Und daran wurde ein Lochgummiband geknüpft, das an einem Leibchen hing, So hielten die Strümpfe und rutschten nicht runter. „Kleinkinderkram“ denke ich heute. Doch ab zehn gab es das nicht mehr für mich, bis ich neulich den Wunsch hatte ... Wieso eigentlich? Gemütlich waren die, gemütlicher als lange Hosen.

Doch nun fehlten diese Bänder zum Halten! Was nun? Also wie geraten, runterrollen. Meine Knie sind bedeckt, und – ich bin erstaunt: sie sehen so schön aus in den braunen Strümpfen, ich liebe meine Knie. Nun weiß ich auch, wofür ich wieder lange Strümpfe haben wollte, nach all den Jahren, um meine kostbaren Knie zu schützen und zu schmücken.
 
Ich muß sie aber immer wieder hochziehen, sie rutschen.

„Ich sehe, du liebst deinen Körper,“ sagte meine Mutti mal, „und wenn ich kann, will ich dich da unterstützen.“ Nun habe ich eine kurze Hose aus rot-weiß gestreiften Stoff an – vielleicht ist sie etwas zu weit – und oben einen grauen, wolligen Pullover. Und dazu die braunen Strümpfe – wieder kommen mir die Tränen vor Rührung – doch dann gehe ich los und treffe ein paar andere Leute aus meiner Klasse. Nur wenige haben lange Hosen an, die meisten kurze Hosen oder – die Mädchen – Kleider, und die meisten warme Mäntel darüber. Und fast alle tragen natürlich lange Strümpfe, bei diesem kalten Wind heute, so war das damals im eisigen Winter 1946/47.

Niemand merkt etwas von meiner Freude, ich sage, daß ich Geburtstag habe, einige Kinder hatte ich schon ein paar Tage früher für diesen Nachmittag eingeladen.

In der Sportstunde geht es um Laufen und Springen, draußen auf dem Schulhof, und ich bin sehr froh, daß ich die Strümpfe runterrollen kann, bis zu den Füßen. Das tun die anderen auch. Wir brauchen nicht zu schwitzen wie die Jungen in langen Hosen.

Nachmittags ziehe ich die beigen Strümpfe an, auch ohne Knöpfe! Nun habe ich Zeit zum Genuß: langsam ziehe ich den Strumpf über das Bein und ziehe ihn so hoch wie er lang ist, über das Knie und weiter. Der Genuß kommt nun: mit den Händen streife ich über das Bein, über den Strumpf und - ich weiß nicht wie ich das sagen kann: auf dem Bein fühle ich meine Hände, mit den Händen fühle ich das Bein, fühle die leichte Rauhheit der Strümpfe, streiche langsam rauf und wieder runter, bin ganz versunken im lebendigen Bein ... ganz in den Formen des Beins und der Hände. Wieder fühle ich: ich bin Stefan, hier bin ich Stefan, nur ich. Dies ist mein Bein, Stefan´s Bein. Es ist schön und ein besonderer Teil meines Körpers. UND die Knie! Etwas sooo Besonderes!

Außer drei Jungen kommt auch Anja, die etwas größer ist und eine Klasse höher. Sie gibt mir ein paar Blumen, ihre Eltern haben ein Gewächshaus und einen Blumenladen. Noch immer bin ich unzufrieden, daß meine Strümpfe rutschen, denn ich möchte sie nun auch richtig anziehen, bis oben hin, und sie sollen gut sitzen. Sind sie doch so lang, daß sie das ganze Bein bedecken. So mag ich sie, so lang! Doch immer diese Falten ... Meine Mutter fragt Anja, „wie machst DU denn deine Strümpfe fest?“ Anja hebt ihr Kleid und zeigt ihre rosa Strumpfhalter mit blinkenden Drahtschlaufen. Verschämt holt sie aus ihrer Tasche am Kleid ein kleines Päckchen und gibt es mir. Ich wickele es aus und finde ebensolche Strumpfhalter, auch in rosa, „habe ich mal getragen und nun sind sie für dich ...“ lächelt sie. „Deine Mutti hat mir den Tip gegeben.“ Ich ziehe mich ins Bad zurück und knöpfe die Bänder an den Gürtel, den ich schon angezogen hatte, die Strümpfe an die Drahtösen, und nun ist alles prima, perfekt. Ich muß zugeben, wie ein Mädchen sehe ich nun aus, doch ich bin gerne auch ein wenig wie ein Mädchen. Dieses Sehnen hat wohl mancher Junge – aber man spricht nicht darüber, leider. 

Befriedigt gehe ich zurück und zeige mich, „nun ist alles perfekt, vollständig,“ sage ich. In Hausschuhen ... die hellen, beigen Strümpfe, oben aus den rot-karierten Hosenbeinen hervorkommend, darüber der graue Pullover ... DAS ist die Kleidung, wie ich sie an mir liebe. Ich ziehe ein Hosenbein hoch und zeige, wie es darunter ist. Das macht Spaß, und die anderen kichern – wieso weiß ich nicht, vielleicht haben sie auch den Spaß wie ich.

Und streife wieder über die Beine, das Gefühl ist noch feiner, meine Mutti sieht hin und freut sich.
 

„Bei Frost wirst du noch dicke Wollstrümpfe darüber ziehen,“ sagt sie. Einer der Jungen hat mir welche mitgebracht, „hat meine Schwester für dich gestrickt.“ Sie sind schwarz mit ein paar grauen Querringen, Ringeln sozusagen. Ich denke, das ist ja wunderbar, doch irgendwann sollte ich der Schwester sagen, das nächste Mal rote Ringe reinzustricken. Ich mag lebendige Farben.


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Anja fragt mich, „möchtest du gerne wie ein Mädchen aussehen?“ Ich bin verlegen und winde mich, „ja, auch das mal, denn Mädchen sind doch schön und haben so schöne Sachen an. Ja, ich möchte auch mal wie ein Mädchen aussehen, die beige Strümpfe bringen das doch etwas, oder?“

Dann fragt sie, „möchtest du mal ein Kleid anziehen, einen Rock?“ Die anderen Jungen sind noch verlegener, sie sehen ganz steif aus, sehen woanders hin. Wie ich leise nicke, holt Anja ein hellgraues Kleid aus einer Tasche, die sie mitgebracht hatte und gibt es mir rüber. „Zieh es an, gleich hier,“ sagt sie vorsichtig. Ich ziehe meinen Pullover aus und das Kleid über. „Nun mußt du auch deine Hose ausziehen, sonst hast du nicht das richtige Gefühl, das wir Mädchen haben,“ sagt sie. Dann bindet sie mir noch ein buntes Tuch um den Hals. „Nun bist du richtig schick. Und bleibst doch ein Junge – ein Junge in Mädchenkleidern, habe ich noch nie gesehen! Ist aber schön, richtig süß, meine ich. Schön siehst du aus. Ich mag das.“ Und meine Mutti mag das auch, „you look cute“, sagt sie in ihrem Schulenglisch.

Ich bin sehr verlegen wegen des Kleides, ist aber doch  ein gutes Gefühl. Nun ist mir so leicht an den Beinen, wie ich es in der Jungenskleidung nie habe. Es ist eigenartig, nichts oben zwischen den Beinen zu haben, nur Luft. Dankbar sehe ich sie an, „das mußt du mir hinterher aber wiedergeben.“ Schade, denke ich ... aber wann sonst könnte ich das Kleid anziehen. Hinter dem Haus haben wir einen Gemüsegarten, da steht auch eine Bank, und wir gehen hinunter, und der Wind bläst mir unter den Rock – „ja, so habt ihr Mädchen das,“ sage ich und halte den Kleidrock mit beiden Händen fest. Bevor wir runter gehen, zog ich mir feste Schuhe an, und ich habe Mühe, daß mir dabei niemand unter das Kleid sieht, so schäme ich mich. Die anderen Jungs sehen wie beiläufig hin und schnell wieder weg.

Denn nun habe ich eine große Scheu, daß meine Strumpfhalter gesehen werden könnten, Warum ist das so? Wenn ich diese Scham habe, warum will ich dann ein Kleid anziehen? „Warum wollt ihr Mädchen das denn?“ Einer der Jungen sagt, „ich verstehe das alles nicht, ich würde nie ein Kleid anziehen – die hohen Strümpfe ist was anderes, die haben doch alle an, aber ein Kleid?“ Anja meint, „wir Mädchen kennen es nicht anders. Doch auch ich habe die Scheu und schäme mich, wenn die anderen den Rand der Strümpfe und die Halter sehen können. Und die blitzenden Drahtschlaufen. Auch ich halte mein Kleid fest, wenn Sturm ist. Aber so ist das, wenn du ein Mädchen bist – oder mal eins sein willst,“ grinst sie.

Wieder im Haus setzen wir uns alle auf den Teppich und spielen Mensch-ärgere-dich-nicht. Da habe ich viel zu tun, daß mein Kleid richtig angezogen bleibt, ein Kleid ist doch eine andere Art Kleidung als Hosen, denke ich. Ich würde so nie auf die Straße gehen, ...

aber ... wie es abends dunkel ist, gehen wir doch auf die Straße, und das Kleid weht umher und schlägt manchmal hoch und ich habe Mühe, es festzuhalten – Anja auch.

In jenen Jahren hatte ich fast nie mehr lange Hosen an sondern nur kurze Hosen und die geliebten Strümpfe, manche so lang, daß sie das Hüftgelenk bedeckten.



Ich spiele gerne mit meiner Kleidung. Einige Tage trug ich eine sehr kurze Hose und dazu sehr lange Strümpfe, eine andere Zeit eine Hose, die bis fast ans Knie runter reichte, und die Strümpfe hatte ich eben darüber mit einem breiten Gummiband, das um die Oberschenkel geschlungen war, gesichert. „Wie die Leute das vor fünfzig Jahren hatten,“ sagte meine Mutti.

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Die Freude an dieser Kleidung hat mich mein ganzes Leben nicht wieder verlassen. So bin ich auch als alter Mann meistens gekleidet: statt Hosen meistens einen bunten, langen, bis zu den Füßen reichenden Rock und darunter die langen Strümpfe. Gehalten an einem Hüftgürtel. Ich hab´s meiner Mutter nachgemacht, habe es ihr abgeguckt – so hat sie mich überzeugt. Es passt alles zusammen.

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Viele Jahre später gebe ich mal einer Frau diese Niederschrift, „du bist ein Sissy-Junge, sissy-boy nennen sie deine Eigenart in Amerika,“ „was ist das denn für eine Eigenart?“ frage ich. Wie immer trage ich auch heute lange Strümpfe wie ein Mädchen, und Gedanken über meine goldene Jugend in mädchenhafter Kleidung erfreuen meine Seele. Und in den heutigen Jahren träume ich, daß ich in der Jugend Röcke getragen hätte. 


Die Frau sagt, „ein Sissy-boy ist ein Junge oder ein Mann, der auch die Mädchenseite in seinem Wesen leben will, offen dafür ist und sich danach sehnt, wenigstens manchmal, und dazu zieht er dann Mädchenkleidung an, manchmal," sie sieht mich an, "oder sogar immer.“ Oh, wenn mir diese Frau das nur an meinem 13. Geburtstag gesagt hätte. Dann hätte ich was verstanden und hätte mein Leben leichter gelebt, ich hätte nicht immer wieder ein schlechtes Gewissen bekommen, daß ich nun falsch bin – oder so was. Ich hätte das voll annehmen und genießen können.

Dann fand ich heraus, daß sehr viele Jungen und Männer etwas vom Sissy an sich haben, doch sie mögen es nicht ausleben. Die Frau und das Mädchen sind eine Art, Mensch zu sein, die uns echter, ehrlicher erscheint, deswegen ...


Und wenn uns was im Leben falsch erscheint und belastet, besonders in der Vergangenheit, in der Kindheit und Jugend, dann erleben wir es in der Fantasie nochmal in besserer Art, dann vergolden wir die Jugend und setzen dieses Programm an die Stelle der alten – vielleicht wirklich erlebten – Programme. Das ist nun eine geschickte Art der Seele, sich immer wieder zu heilen, das sind die Aufgaben von Vergangenheits-Fantasien, Selbstheilungs-kräfte. Und für mich ist das meine Stärke.

Das ist meine Sissy-boy-Art.




In Einzelheiten ist diese Geschichte - wie oben bemerkt - meist erfunden. Doch ich finde sie historisch richtig, da alles möglich gewesen wäre, die Zeit war tatsächlich so. Unsere Kleidung war tatsächlich so.









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